Zerberus

Im neunzehnten Jahrhundert trieb eine Kreatur ihr Unwesen, die so heftigen Schrecken in Mark und Bein trieb, dass er sogar noch in dem Körper steckte, wenn dieser schon längst tot unter der Erde lag.
Es war der Hund des Detektivs Montgomery Montague,
einer Koryphäe seines Fachs, der nichts dem Zufall überließ.
Sogar der Name seines vierbeinigen Begleiters war wohlüberlegt, denn er lenkte die Phantasie schon in die erwünschte Richtung.

Zerberus hätte seinem Namensvetter alle Ehre gemacht, hätte er drei Köpfe gehabt.
Aber auch der eine war eindrucksvoll genug, um seinem Gegenüber über die Dicke der Knochen nachdenken zu lassen, die dieser Kiefer zum bersten bringen konnte.
Einem Eber stand er in nichts nach.
Dies bezog sich außerdem auf seinen kolossalen Appetit, der sich in kopfschüttelnde und wühlende Orgien erschöpfte, in denen er es pflegte, mit seiner jeweiligen Mahlzeit auf sozusagen leidenschaftliche Art und Weise herum zu spielen.
(Die regelmäßigen Lieferungstermine aus dem Schlachthaus hatten inzwischen Kultstatus bei den Fleischern der Umgebung erreicht.)
Das einzige, was größer an seinem Körper war, als sein Kopf, war das Volumen seiner Haut, welche in überschüssigen Falten von der Schnauze hing und auch seine Augenlider schafften es nicht, der Schwerkraft zu trotzen, was jedem das schöne blutrot ihres Innersten offenbarte.
Wollte man nicht eines qualvollen Erstickungstodes sterben, tat man lieber gut daran, ihn nicht zum „Männchen machen“ zu animieren.
Auch nicht, wenn man von hoher Statur war.
Das war für Zerberus nämlich kein Hindernis, denjenigen nicht zu Boden zu drücken.
5 – 6kg Fleisch pro Tag gingen nicht spurlos an einem Körper vorüber.
Einmal war er auf ein Eichhörnchen getreten ohne es zu bemerken.
Sein Fell war dunkel wie Kohle, was einen gewissen Überraschungseffekt hatte, wenn er aus einem Schatten oder in der Dunkelheit auf einen zukam,
was er immer tat, denn der Instinkt für Dramatik war ihm angezüchtet.
Und beschloss er es einmal, zu bellen, wusste das jeder, der sich in einer der umliegenden drei Straßen aufhielt.
Dann stand alles still.
Lauschend. Hoffend. Betend.
Und erst, wenn dem donnerndem Nachhall dieser Grabes-Kehle nichts weiter folgte, lief alles wieder seinen gewohnten Gang weiter.
Genoss man das Privileg, von Zerberus gemocht zu werden, sollte man stets darauf achten, nicht zu neue Kleidung zu tragen, wenn man wusste, es stand eine Begegnung mit ihm an.
Bei diesem Hund war nicht nur die Nase feucht, sondern auch die unmittelbare Umgebung selbiger.
Und er hatte keine Skrupel, andere daran teilhaben zu lassen.
Nahm er einmal eine Fährte auf, konnte man leicht erkennen, welchen Weg er einschlug;
man musste nur der nass glänzenden Spur folgen.
Diesem Koloss konnte vielleicht so einiges nachgesagt werden, aber eines musste man ihm lassen:
Die Demonstrationen seiner Erziehung waren einwandfrei.
Auf ein „Sitz!“ oder „Platz!“ wurde die Masse von Hund augenblicklich gen Boden fallen gelassen.
Ohne Rücksicht auf Verluste.
Ein Fuß, welcher zufällig an derselben Stelle verweilte, war hinterher nicht mehr zu retten.
Das Gewicht zum Liegen zu bewegen, ging schnell mit einer bleiernen Müdigkeit einher und diese mit einem festen Schlaf, der nicht einmal zu stören war durch verzweifelte Hilfeschreie, die von dem Abquetschen von Arterien und Nervensträngen herrührten.
Kinder sollten sich ihm grundsätzlich nur auf einen Abstand von mindestens zwei Metern nähern.
Eines, das einmal hinter ihm stand, trug bleibende körperliche Schäden davon, als er begann, mit dem Schwanz zu wedeln.

„Hinter jedem Verbrecher steht ein Detektiv, der seinen Spuren gefolgt ist.“ so Montagues Motto.
Aber natürlich steht hinter dem Detektiv sein Hund, der den Verbrecher eingeschüchtert hat.

~*~
© by EileanoraEibhlin – Do not use my work in any way without my permission.

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