Abberlines Fluch

1888

die epische Jahreszahl, die einen der spektakulärsten Kriminalfälle der Geschichte markierte:

Jack the Ripper.

Ein Fall, der selbst hundert Jahre später noch ungelöst bleiben sollte.

Montgomery Montague hatte das Pech Perfektionist zu sein.

Zum Tragen kam dies, als es in den Zeitungen, den Gasthäusern und den Geschäften langsam aber sicher nur noch ein Thema zu geben schien: Jack, Jack, Jack!

Wohin man auch kam stand der Frauenschlitzer im Mittelpunkt.

„Hast du schon gehört?“ tuschelte es von allen Seiten,

„Abberline vermutet jetzt …“ vorgehaltene Münder pressten sich an gespitzte Ohren.

„… dass der Mörder ein Arzt gewesen sein muss …“ glänzende Dekolletees wurden mit Fächern bearbeitet. „… so wie den Frauen die Organe entfernt wurden, sagt er!“

Montgomery Montague zog schon jedesmal seinen Kragen über die Ohren, doch der Stoff war zu dünn, um das Geschnatter abzuschirmen.

„Abberline vermutet viel, wenn der Tag lang ist.“ murrte er in seinen Schnäuzer hinein, während er eilig an verblüfften Gesichtern vorüberschritt.

Erst ganz leise, dann immer lauter werdend und schließlich nicht mehr zu ignorieren, machte sich der Druck in ihm breit, ein ähnliches Ansehen erlangen zu müssen wie Inspektor Abberline.

„Wenn du mich fragst, hast du sein Niveau schon längst erreicht.“ meinte Winston, der Wirt vom schwarzen Ochsen, als er die nächste Runde ausschenkte. „Selbst Abberline schafft nur drei Flaschen Whiskey am Tag.“

Die ganze Spelunke prustete vor Lachen.

Abberline war wahrlich kein Engel, das hatte sich schon bis hierher herumgesprochen.

Ein hoffnungsloser Säufer, der seine Prognosen im Delirium herunterhalluzinierte und lediglich den Fall bekommen hatte, weil er der einzige Inspektor in Whitechapel war, der sich noch auf den Beinen halten konnte.

„Abberline hat vielleicht den Ruhm,“ brummte Montague und schlug sein Whiskeyglas hart auf den Tisch. „Aber ich habe Würde!“

Oh ein Detektiv hatte es nicht leicht in dieser Zeit.

Als er in dieser Nacht seinen Weg nach Hause antrat, wankte er zwar leicht, wusste dies aber elegant zu überspielen.

Sein treuer Bullmastif Zerberus folgte ihm mit der Geduld eines Löwen vor einer Zebraherde:

stets in der freudigen Erwartung des Fleisches.

Dieser Charakterzug war unabhängig von der Tageszeit, weswegen man sicher sein konnte, dass es bei ihm immer nur um das eine ging, wenn er anschlug.

So auch diesmal.

Als hätten seine Pfotenballen Wurzeln in die Straße geschlagen, stand er plötzlich da.

In der dampfenden Gasse war es so still, dass lediglich das Tropfen des Geifers auf den Pflastersteinen zu hören war.

Auch Montague war stehengeblieben, misstrauisch eine Pfütze betrachtend.

Wasser oder sogar andere Flüssigkeiten mit ähnlicher Konsistenz waren hier bei weitem nichts ungewöhnliches und in dem dünnen Licht der Laternen sah alles gleich aus, aber nichts war so klebrig wie das hier. Der aufsteigende metallische Geruch ließ dann keinen Zweifel mehr zu, worum es sich handelte: Blut.

Es umspülte Montagues Sohlen, wie er ärgerlich bemerkte. Schließlich investierte er täglich einiges an Zeit, um sie glänzend zu halten.

Nichtsdestotrotz folgte er dem Rinnsal, schien hier doch sein Metier gefragt zu sein, sofern sich die Neuschlachtung des Metzgers nicht verselbstständigt hatte …

Zerberus trabte voraus und um die nächste Hausecke. Seinem fröhlichen Hecheln nach zu urteilen hatte er etwas gefunden, dass ihm gefiel.

Das war natürlich nicht zwingend auf menschliche Maßstäbe übertragbar.

Auch jetzt teilte Montague die Freude seines Hundes nicht, als er die Leiche der jungen Frau erblickte.

Ihre Augen waren entsetzt geweitet, als säßen Schmerz und Schrecken immer noch in ihren Gliedern.

Ihr Kleid war ungeduldig zerrissen worden, die Beine gespreizt (ob freiwillig oder nicht, ließ sich nur mutmaßen) und immer noch sickerte Blut aus dem klaffendem Loch in ihrem Unterleib.

Der Täter hatte Wert darauf gelegt möglichst schnell möglichst viel Schaden anzurichten und zwar möglichst in dieser einen Region des weiblichen Körpers.

„in Whitechapel geht der Psychopath des Jahrhunderts um,“ murmelte Montague mürrisch zu sich selbst, „… und ich muss mich hier mit einem schlechten Nachahmer abgeben.“

Seufzend ließ er sich zu dem Opfer hinunter und begann die Spuren zu analysieren.

~*~
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