Damenkränzchen

Olivia Montague seufzte schwer und trat auf die Straße hinaus.
Dabei war es in ihrer Vorstellung so wunderbar gewesen, das Haus einmal zu verlassen und die frische Luft nicht nur durch ein geöffnetes Fenster schnuppern zu müssen.
Nach dem Anlegen von Ausgehkleid, den dazugehörigen Accessoires, Schmuck, sowie Make Up und dem Richten der Frisur, hätte sie sich eigentlich wieder ausruhen können.
Der Stoff des Kleides war zu schwer und vor allem zu viel.
Die Absätze ihrer eleganten Schnürstiefel waren zwar nicht sehr hoch, hatten dafür aber genau den Durchmesser der Kopfsteinpflasterzwischenräume und machten damit das Überqueren einer Straße zu einem Spießrutenlauf, bei dem sie auch noch gut aussehen musste.
Manchmal fürchtete sie, in der falschen Zeit geboren zu sein.
Keine Frau die sie traf, beschwerte sich über Rückenschmerzen oder Muskelkater in den Zehen, also war sie entweder die einzige, die sich in ihrer Rolle unwohl fühlte oder die anderen überspielten es mit einem erstaunlichen Talent.

In dem Kaffeehaus „Klein Wien“ stieß sie auf die Gesellschaft der Nachbarinnen.
Zwar nur zwei davon, aber das waren schon mehr als genug.
Wie jede Woche, konnte man beobachten, wie sie sich hier zusammenfanden und bei Kuchen und Kaffee Konversation-, wie sie es nannten, hielten.
Doch so prägnant ihre Stimmen auch waren, niemand konnte behaupten, zu verstehen, was sie sagten.
„Mrs. Montague!“ krisch Mrs. Plumpott zwischen zwei Schaufeln Sachertorte, „kommen sie doch zu uns, Kindchen!“ für Diskretion war Mrs. Plumpott nicht gerade bekannt.
Errötend schob sich Olivia zu dem zierlichen Tischchen, welches tapfer die süßen Gelage der Damen aushielt.
„Eine wahre Freude, Sie mal wieder persönlich anzutreffen,“ begann Mrs. Plumpott gleich, Olivia in das Gespräch mit einzubinden.
„Man könnte ja fast meinen, sie hätten in ihrem Haus Wurzeln geschlagen.“
„Ach wissen sie,“ entgegnete Olivia, „heutzutage übernimmt das Personal den kleinsten Gang.
Aber irgendwann hält es selbst die feinste Lady nicht mehr in den eigenen vier Wänden aus.“
Sie lächelte mild. „So anziehend sie auch sind… äh… die vier Wände.“
„… was auf die Bewohner ebenso zutrifft.“ ergänzte Mrs. Plumpott. Sie hatte noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie eine Schwäche für Olivia’s Gatten, den vornehmen Detektiv hatte.
Olivia beobachtete dieses Verhalten bei zahlreichen anderen Damen jenen Alters.
Doch es störte sie nicht, im Gegenteil!
Es erheiterte sie insgeheim, denn ihr kamen dabei Zitate ihres Mannes in den Sinn, die er anlässlich solcher Situationen zu verfassen pflegte.
So war Mrs. Plumpott „eine Sahnetorte in sich“, denn als wäre die runde Gestalt allein nicht schon auffällig genug, war diese noch mit so viel aufgepufftem Tüll, Schleppen und Ketten behangen, dass ihr Gleichgewicht an ein Weltwunder grenzte.
Jules Verne hätte allein bei ihrem Anblick die „in 80 Tagen um die Welt“ verfassen können.
„Ich finde es ziemlich vermessen, wie sie sich benehmen, meine Liebe!“
erhob Mrs. Whitehead ihre kratzige Jungfernstimme, an Mrs. Plumpott gewandt.
„… Und das in aller Öffentlichkeit!“
Wer bei Mrs. Whitehead die frappierende Ähnlichkeit zu einer Gans nicht sah, trug entweder Scheuklappen oder war als Kind zu kalt gebadet worden.
Den langen Hals gestreckt und die spitze Nase voller Empörung gereckt, rutschte sie auf ihrem aufgebauschten Hinterteil hin und her, bis sie sich wieder-, nestwarm geworden, beruhigt hatte.
„Es muss ja nicht jeder so vertrocknet enden wie sie.“ entgegnete Mrs. Plumpott nebenbei.
Der Löwenanteil ihrer Aufmerksamkeit galt nämlich einem Puddingteilchen.
Noch im selben Atemzug fragte sie: „Reichen sie mir bitte mal das Schlagobers?“
Mrs. Whitehead antwortete aufgebracht schnatternd, doch an dieser Stelle ging Olivias Aufmerksamkeit eigene Wege, denn nie und zu keiner Zeit haben sich je die Konversationen zwischen Mrs. Whitehead und Mrs. Plumpott in irgendeinem Punkt unterschieden.

Das Schaufenster von „Klein Wien“ bot mit den bunten Papierblumenranken, Gestecken und dekorativen Marzipangebäcken eine hübsche Bühne zur Außenwelt.
Von ihrem Platz aus hatte Olivia eine direkte Aussicht darauf, während die beiden anderen Damen mit dem Rücken dazu saßen. Wobei das allerdings keinen Unterschied gemacht hätte, denn wenn sie einmal in Fahrt kamen, existierte nichts mehr um sie herum, als weiße Lawinen
aus Schneezucker.
Der perfekte Rahmen für ein Gemälde, dachte Olivia.
`Das Mädchen an der Laterne‘, hätte es wohl nach dem derzeitigen Bild geheißen.
Sie war geschmackvoll gekleidet, mit allem Brimborium, was die Mode hergab.
Die Pfauenfeder an ihrem Hut passte zu ihrer Schönheit und wie sie selbige zu tragen verstand.
Stolz reckte sich das Kinn über dem hochgeschlossenen Kragen, sowie sich alles an ihr dehnte, was in üppigen Proportionen an ihrem Körper vorhanden war.

Ein junger, adrett gekleideter Mann erschien, überreichte ihr eine Edelrose und machte ihr vorbildlich den Hof.
Olivia verlor beinahe ihre Haltung, als sie erkannte, dass es sich um keinen geringeren handelte als Jeffrey, ihren Sohn.
Das nennt er also Kunstwerke betrachten! dachte sie teils ärgerlich, teils belustigt.
Jeffrey Montague hatte an diesem Morgen verkündet, sich etwas ‚um die Kultur‘ kümmern zu wollen und ins Kunstmuseum zu gehen.
Jetzt drückte er einen zärtlichen Kuss auf die Mädchenhand, welche noch nie etwas schwereres heben musste als ihren Fächer, und zog weiter seines Weges.
Die Angebetete blieb zurück, selig lächelnd, ab und zu verträumt an der Rose schnuppernd.

Ein weiterer Mann erschien, doch er bewegte sich flink, verschwendete keine überflüssigen Bewegungen.
Wie ein lebendig gewordener Schatten, der aus dem Dunkel der Häusernischen auftauchte.
Noch ehe das Mädchen ihn bemerkte, war er bei ihr, schlang ihr etwas um den Hals und zog mit sicherer Kraft solange zu, bis sie zu Boden geglitten war und reglos liegenblieb.
Dann war es vorbei und der Mann glitt fort.
Es war so schnell gegangen, dass sich Olivia fragte, ob sie es sich nicht eingebildet hatte.
Doch das Mädchen lag immer noch neben der Laterne.

„Ist alles in Ordnung mit ihnen, meine Liebe?“ hörte sie Mrs. Plumpotts besorgte Stimme, „sie sind ja so bleich wie der Tod!“
Olivia Montague fand ihre Sprache nicht. Schock und Fassungslosigkeit hielten sie davon ab.
Vor wenigen Augenblicken war vor ihren Augen ein Mord begangen worden. Auf offener Straße und am helllichten Tag!
Sie wusste nicht, was schlimmer war: der Mord selbst, oder die Arroganz des Täters.
… oder die Tragödie, die nun das Liebesleben ihres Sohnes beschattete …

Endlich fühlte sie sich in der Lage zu sprechen, doch kaum öffnete sie die Lippen, schien sich ihr Kragen zuzuschnüren.
Schwindel stieg in ihr auf und ein schwarzer Vorhang fiel über ihr inneres Auge.

~*~

© by EileanoraEibhlin – Do not use my work in any way without my permission.

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