Die letzte Visite – Teil I

Ein Piepen weckte mich aus meinem toten Traum.

Unregelmäßig und schrill.

Intensivstation.

Mein Atem prallte gegen eine schwitzige Sauerstoffmaske

und ein junger Pfleger mit chronischem Akneproblem beugte sich über mich,

die Hände auf meinem Brustkorb, unsicher eine Herzmassage andeutend.

Das trübe Neonlicht über mir flackerte im Takt des Schmerzes, den ich zunächst nicht wirklich lokalisieren konnte, doch er stach wie ein geschliffenes Fleischermesser unerbittlich auf mich ein.

Dann wurde mir klar: ich schien einigen Fehlpunktierungen zum Opfer gefallen zu sein;

inmitten dem geschwollenen aubergineartigen Etwas, das einmal mein linker Arm gewesen war, steckte eine dicke Nadel, an welcher eine Bluttransfusion selig vor sich hin tröpfelte.

Und während ich nur noch auf die Visite von Dr. Frankenstein wartete, überlegte ich, was traumatischer war: das Trauma selbst oder das Aufwachen davon.

„Das wird schon wieder.“

versicherte mir die kuhäugige Krankenschwester in demselben Singsang, mit dem man einen kastrierten Köter zu beruhigen pflegt.

Sie musste diesen Satz heute schon oft gesagt haben, denn sie schaute nicht einmal auf, als sie meine Decke aufschüttelte und die Bettpfanne an sich nahm.

„Sie haben nur eine posttraumatische Belastungsstörung.“

Ja genau.

Als ob ich nicht wüsste, wie eine posttraumatische Blastungsdings aussah!

Sie behandelten mich hier tatsächlich wie einen ihrer infantilen Patienten …

Meine Psychiaterin verschrieb mir eine Tablette nach der anderen, deren Wirkung ich vor lauter Nebenwirkungen nicht mehr wahrnahm.

Mit ausdauerndem aber gemäßigtem Enthusiasmus versuchte sie Stunde um Stunde in den Nerven zermürbenden Sitzungen meine Hirnmasse wieder herzustellen.

„Was sehen sie? Woran erinnern sie sich?“ die obligatorische Einstiegsfrage, die ich schon nicht mehr hören konnte. Aber ich bemühte mich, ein vorbildlicher Patient zu sein und drillte meine kleinen grauen Zellen bis zum Exitus.

„Dunkelheit. Lichter.“ antwortete ich. Nur widerwillig ließ mein Bewusstsein die aufkeimenden Bilder zu.

„Wie jetzt? Was meinen sie genau? Dunkelheit jetzt, oder die Lichter?“

„beides.“ murmelte ich, die aggressive Abwehrhaltung unterdrückend.

„Was noch?“ die Psychiaterin kritzelte unbeeindruckt auf ihrem Notizblock herum.

(Ich fragte mich, welches Kunstwerk da gerade entstand, denn so ergiebig konnten unsere Sitzungen nicht sein, dass es soviel zum Notieren gab.)

„die Lichter … rauschen an mir vorbei. Ich … sitze in einem Auto …“

„Erzählen sie mir, was sie tun.“

Pause…

„Naja, wie ich bereits sagte: ich fahre Auto…“

Und meistens war‘ s das dann schon gewesen.

Aber dann eines Tages hatte ich plötzlich das Glück zu erfahren, wie sich die mentale Wolkendecke lichtete und die Welt in Klarheit sich aufhellte.

Ich möchte, dass dies berücksichtigt wird, wenn ich meinen Bericht von jenem verhängnisvollen Abend zum Besten gebe. Diese Erinnerung ist echt und ich bin voll zurechnungsfähig.

Als ich aus meinem Wagen stieg, sprangen gerade die Straßenlaternen an.

Durch die gelben Lichtkegel segelten stumm die ersten Schneeflocken auf das vergessene Stillleben, in das mich mein Weg geführt hatte.

Das größtenteils im Dunkeln liegende Haus vor mir war von einem Wall aus verrosteten Eisenstäben umgeben, an denen sich dürre Efeuranken klammerten.

„Guten Abend, Herr Doktor!“

erschrocken fuhr ich herum und starrte in das strahlende Schrumpelgesicht von Frau Redlich, flankiert von zwei prallen Einkaufstaschen.

Frau Redlich gehörte zu jenen älteren Damen, welche es kaum erwarten konnten, irgendeine noch so kleine Auffälligkeit an sich zu entdecken,

um dann dem Arzttermin regelrecht entgegen zu fiebern.

Dementsprechend häufig fand ich ihren Namen in meinem Terminkalender vor.

„Ach, Frau Redlich!“ sekundenschnell und vollautomatisch switchte ich in den Arzt-Modus. „Wie geht es ihnen? Was macht ihre Schilddrüse?“

Zufrieden darüber, dass einem Hund ein Knochen hingeworfen wurde, antwortete sie sofort:

„Bestens-bestens. Sie scheint jedenfalls nicht mehr zu wachsen. Keine Ahnung, warum.“

Weil dieses vermeintliche Schilddrüsenwachstum eine Ausgeburt ihres Hypochonderhirns ist. Erwiderte ich in Gedanken und lächelte freundlich.

„Und was machen sie hier? Hausbesuch?“ fragte sie im nahtlosen Übergang.

„Ja, so ungefähr … sie wissen nicht zufällig, wer in diesem Haus wohnt?“ ich deutete auf die Mini-Burg vor mir.

Hier und da leuchtete bröckelnder Putz auf.

„Aber Herr Doktor …“

Frau Redlich lachte, als hätte sie einen kleinen dummen Jungen vor sich.

„In diesem Haus wohnt schon seit Jahren niemand mehr.“

sie klopfte mir sogar nachsichtig auf die Schulter.

„Da müssen sie falsch informiert sein.“

Das wäre sogar gut möglich.

Den Anrufer, den ich lange nach Praxisschluss am Telefon hatte, war nicht einfach zu verstehen gewesen. Nur mit Mühe konnte ich einzelne Worte aus der erstickten Stimme filtern.

Ich hätte zuerst nicht einmal sagen können, ob die Stimme männlichen oder weiblichen Ursprungs war.

„Da fällt mir ein…“ platze es wieder aus Frau Redlich. „Seit ein paar Tagen habe ich so ein Ziehen hinter dem Ohr. Aber das erzähle ich ihnen das nächste Mal in der Sprechstunde ganz genau. Jetzt muss ich weiter. Meine Katzen warten auf ihr Fressilein. Tschüss dann, bis nächste Woche!“

So plötzlich, wie sie erschienen war, verschwand sie wieder und hinterließ eine fast schon bedrückende Stille.

Ich warf noch einen nachdenklichen Blick auf das Haus, in dem angeblich keiner wohnte,

griff dann nach meiner Tasche auf dem Beifahrersitz.

Der Anrufer mochte dem Delirium nah gewesen sein, doch in den paar Brocken, die er mühsam hervorwürgen konnte, waren einzelne Details so treffend beschrieben, dass ich mir sicher war, hier richtig zu sein.

Wenigstens einen Blick in dieses Haus wollte ich riskieren.

Die Tür stand offen.

Einladend angelehnt in einer Umgebung, welche das genaue Gegenteil wieder spiegelte.

Selbst die Luft hier drin schien mit einer Mischung aus Moder und Verwesung ungebetene Gäste wieder verjagen zu wollen.

Doch schon während meines Studiums war ich Gerüchen ähnlichen Kalibers ausgesetzt gewesen, weswegen ich auch irgendwie mit diesem fertig wurde.

Alles in diesem Haus schwieg.

Nicht einmal der Holzboden knarrte, als wäre das Holz ein zweites mal gestorben.

„Hallo? Ist da jemand?“

meterlange Spinnweben wiegten sich sanft im Luftzug meiner Stimme.

Während ich meinem eignen Echo lauschte, kam ich mir ziemlich albern vor, in einer Ruine zu stehen und auf einen Patienten zu warten, den es wahrscheinlich gar nicht gab.

Womöglich war der Anruf sogar ein dummer Scherz gewesen.

Pubertierende finden es lustig, rechtschaffene Leute zur Verzweiflung zu treiben.

Achselzuckend drehte ich mich auf dem Absatz herum, in wohliger Vorfreude auf meinen Ohrensessel und einen kühlen Bordeaux, welche nun in greifbare Nähe rückten.

Kaum berührten meine Finger den staubigen Knauf der Haustür, drang ein zartes Geräusch an meine Ohrmuschel,

so schwach, dass es die Gehörknöchelchen nur mit großer Anstrengung zum Schwingen brachte.

~*~

© by EileanoraEibhlin – Do not use my work in any way without my permission.

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