Die letzte Visite – Teil II

Es hätte genauso gut ein Streich der Übermüdung an das Bewusstsein sein können,
doch mein Eid ließ es nicht zu, zu ignorieren.
Jetzt meinte ich es deutlicher zu hören:
ein erschöpftes Rufen oder Stöhnen von der oberen Etage aus.
Meine Hand umklammerte den Griff der Tasche fester, während ich die Treppen hinauf eilte und mein Geist ging routiniert die möglichen Erstmaßnahmen durch.

Ich gelangte auf einen niedrigen Flur, welcher durch Kerzen auf verschnörkelten Ständern erhellt wurde.
Die kleinen Flammen flackerten aufgeregt, als ich vorüber lief und alleine das schien die Jahrhunderte, die dieses Haus durchstanden hatte, wieder lebendig werden zu lassen.
Jede Tür riss ich rücksichtslos auf, nur um auf verwaiste Zeitzeugen zu stoßen.

Und dann fand ich ihn:
Er war nur noch ein schwindendes Abbild seiner selbst;
so sehr vom Krankheitskampf gezeichnet, dass Augen und Wangenknochen zu dunklen Höhlen geworden waren.
In dem ausladenden Himmelbett wirkte er zwischen der aufgebauschten Daunenwäsche wie ein ertrinkender Schiffbrüchiger, der nur noch Poseidons Spielball war und den Tod wie eine Geliebte herbei sehnte.
Auch in diesem Zimmer fanden sich überall Kerzen, welche mit den Schatten tanzten.
Mit wenigen Schritten war ich bei ihm und kontrollierte seine Vitalfunktionen.
Der Puls war viel zu niedrig, der Blutdruck erschreckend hoch.
Sein Gesicht glänzte von kaltem Schweiß.
Mit fiel auf, dass er nicht älter als zwanzig sein dürfte.
Seine rissigen Lippen bewegten sich, konnten aber kein verständliches Wort hervorbringen.
Auf dem Nachttisch piepste ein Handy  nach seinem Ladegerät.
Ich meinte die Nummer meiner Praxis auf dem Display erkennen zu können und kombinierte, dass er mit seinem Anruf seine letzten Kraftreserven ausgeschöpft hatte.
Wahrscheinlich würde ich nie erfahren, was mit ihm geschehen war.
Doch eines wusste ich:
Dieser Mensch musste umgehend in ein Krankenhaus!
(Am besten in ein Privates wo die Sterberate niedriger war…)
Nachdem ich mit meinem Handy den Notarzt verständigt hatte, legte ich den knochigen Arm des Jungen frei, um einen venösen Zugang zu legen.

Gerade spannte die Nadel die Haut schon zum Zerreißen nah, da waren wir von einen auf den nächsten Moment nicht mehr allein.
Ich konnte nicht sagen, wann und auf welche Weise sie den Raum betreten hatte.
Sie war einfach da.
Als hätte sie sich geräuschlos manifestiert, stand sie nun auf der anderen Seite des Bettes
in elegantem sowie freizügigem schwarz, die grell-blauen Augen auf mich gerichtet.
„Regardez, ein ungebetener Gast.“
begrüßte sie mich mit einer Stimme wie Schnee, so sanft und kühl.
Die Nadel entspannte sich wieder, während ich mehr und mehr aus dem Konzept geriet.
„Es ist schon in Ordnung.“ sie deutete dezent auf die Spritze in meiner Hand. „Das ist nicht mehr nötig.“
„Ich glaube, sie sind sich des Ernstes der Situation nicht bewusst.“ entgegnete ich angespannt, jedoch meine Professionalität wahrend.
Angesichts dieser seltsamen Szene schien mir dies das angebrachteste zu sein.
„Au contraire.“  hauchten ihre blassen Lippen.
Ihr verboten makelloses Gesicht strahlte vor kaltschnäuziger Überlegenheit.
Der Junge lag in seinen letzten Zügen und ich begann mit Reanimierungsmaßnahmen.
Er musste durchhalten, bis der Notarzt eintraf!
Sie schaute ungerührt zu.
Ihre Aufmerksamkeit schien sich sogar mehr und mehr auf mich zu lenken.
Ich konnte dieses Verhalten angesichts eines sterbenden Menschen nicht verstehen, gönnte mir aber nicht die Zeit, um darüber nachzudenken.
„Votre sang odeurs sucrées.“ ich sah aus dem Augenwinkel, wie sie langsam um das Bett herum auf mich zukam während sie das sagte.
„Ich verstehe nicht …“ murmelte ich abwesend während ich um das Leben des Jungen kämpfte.
„Dein Blut …“ erklärte sie und seufzte hingebungsvoll. „… séducteur!“
Ich hörte wie sie, nur Zentimeter von meinem Ohr entfernt, die Luft einsog, als würde ein unglaublich guter Duft darin liegen.
Bleiche Finger tasteten nach meiner Jacke. Ich spürte die Nägel durch den Stoff, als wäre er gar nicht vorhanden.
„Wenn sie mir schon nicht helfen wollen, dann lassen sie mich doch wenigstens hier meine Arbeit machen!“ fuhr ich sie an.
Jetzt, wo sie mir so nah war, konnte ich einen schwer süßlichen und irgendwie rohen Geruch wahrnehmen.
Sie leckte sich unanständig geräuschvoll über die Lippen und schmatzte wie ein kleines Kind.
„Sie brauchen dringend einen Psychiater, Gnädigste!“

Ab hier habe ich keine Erinnerung mehr.
Alles verschwimmt zu einem bunten Brei, egal wie sehr ich mein Gedächtnis strapaziere.
Es ist fast so, als hätte ich einen bösen Fiebertraum gehabt, der sich mir entzieht, je genauer ich ihn betrachten möchte.
Mein Bewusstsein schützt mich vor etwas.
Ich habe keine Ahnung, was vorgefallen sein könnte, aber es muss furchtbar gewesen sein, denn seitdem bin ich nicht mehr derselbe.
Und es macht mich krank!
Sie hat mir einen Teil von sich eingepflanzt;
ihre ekelhaften Sehnsüchte, die nun in meinem Kopf umher kreisen.
Ich weiß es.
Eine sehr tief verankerte Gewissheit sagt mir, dass ich nicht halluziniere.
Kreischende Opfer, sprudelnde Venen, Körper, die vor Schmerz zitterten … all das hatte ich so intensiv vor Augen, dass ich manchmal mit dem Geschmack von Blut im Mund wach wurde. Und der Geruch nach rohem Fleisch war so allgegenwärtig, als stünde mein Bett in einer Metzgerei.
Ich konnte noch so lange vor der Kloschüssel sitzen und mir die Seele aus dem Leib würgen, es klammerte sich hartnäckig an meinen Sinnen fest.

Viele Nächte lag ich wach und wünschte mir, sie würde mich hier finden und zu ende bringen, was sie begonnen hatte.
Schließlich gehört es sich nicht, etwas anzubrechen und dann verkommen zu lassen.
Doch sie kam nicht.
Ich denke oft an den Jungen in dem alten Haus und frage mich, ob er es geschafft hat, zu überleben, denn selbst das weiß ich nicht mehr. Ich befürchte aber, dass dem nicht so ist.
Auch frage ich mich, ob es überhaupt beabsichtigt gewesen war, dass ich noch lebe
oder ob alles so seine Richtigkeit hat …

Ich ahnte, dass mein Schicksal in meinen eigenen Händen lag.
Und tatsächlich konnte ich in einem ungeachteten Augenblick an ein Skalpell herankommen, welches ich fortan, versteckt unter der Matratze meines Krankenbettes, hüte wie einen Schatz.
Ich muss mir die Option offenhalten, sterben zu dürfen.
Andernfalls würde es mich von innen aushöhlen und ich würde als Untoter zwischen diesen gleißenden Wänden den Rest meines Daseins fristen, bis mein Herz es irgendwann müde wird, diesen nutzlosen Körper zu unterhalten.

Ich spüre gerade, wie die betäubende Wirkung der Tabletten wieder stärker wird.
Es wird Zeit, sich zu entscheiden.
Es wird Zeit.
Bevor es zu spät ist.

Cut.

„Hast du schon das Neuste gehört? Auf der Intensiv sind zwei Pfleger von einem Patienten angefallen worden.“
„Ohmeingott!“
„Jah! Er hat wie von Sinnen mit einem Skalpell herumgefuchtelt, um sich gebissen und irgendetwas auf französisch geschrien.“
„Sag bloß! Wieder so ein Irrer mit einer posttraumatischen Belastungsstörung?“
„Höchstwahrscheinlich. Sie haben ihn jetzt in die geschlossene Psychiatrische verlegt.“
„Da gehört er auch hin. Sowas tut doch kein normaler Mensch!“

 

~*~

© by EileanoraEibhlin – Do not use my work in any way without my permission.

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