CORAZON’s Herzschlag II

„Mein Gott, Joycey! Da kommst du nach Wochen wieder einmal vor die Tür und das erste was du tust, ist in Ohnmacht zu fallen.“

Mom stolzierte kopfschüttelnd in dem blütenweißen Krankenzimmer auf und ab, wie ein Feldwebel im Sommerkleid, welches mit seinen lila Mustern und großzügigem Ausschnitt einen Tick zu jugendlich an ihr wirkte, ihrer gut erhaltenen Figur jedoch keinen Abbruch tat.

Natürlich nicht.

Laut Diagnose hatte ich nur einen leichten Hitzschlag erlitten und durfte am selben Tag schon wieder nach Hause.

Meine Mom holte mich ab.

Und im Sorgen-Modus war sie schon, seit sie zur Tür reingekommen war.

Das bedeutete einen halbstündigen Vortrag. Mindestens.

Und sie begann schon, noch ehe ich vom Krankenbett aufstehen konnte:

„Das ist ja mal wieder typisch, dass du dich in aller Öffentlichkeit zum Deppen machen musst!“ Oh ja, sie war sehr besorgt…

„Was soll nur aus dir werden, Kind? Du bist viel zu wenig an der Luft…“

„Mo-om! Nenn‘ mich nicht ‚Kind‘!“

„… du bist überhaupt nicht abgehärtet, Joyce.“ fuhr sie unbeirrt fort.

Jeder kann einen Hitzschlag bekommen, Mom…“ Es war hoffnungslos. Ich wusste es jetzt schon.

„…wie wär’s, wenn du mal weniger Zeit in deinem Zimmer und mehr…“ Blablablabla

ich sparte mir den nervtötenden Mittelteil, den ich schon lange in und auswendig kannte. An dem Inhalt würde sich in den nächsten hundert Jahren sowieso nichts ändern.

Das war also ich:

Joyce Bolton,

24 Jahre, durchschnittliche Größe und Gewicht, straßenköterbraunes Haar,

Brillenträgerin.

Nicht unbedingt das Sahnehäubchen dieser Gesellschaft.

Zwar war ich froh, mein Leben nicht in der Schande verbringen zu müssen, ein Blondchen oder It-Girl zu sein, doch dafür musste ich auf gewisse Privilegien verzichten, wie zum Beispiel Anerkennung oder Toleranz.

„…trotzdem Sorgen um dich, Kind.“ Tröpfchen der Rage hatten sich auf ihren sündhaft roten Lippen abgesetzt, deren Winkel sich nun selbstzufrieden hochzogen, ignorierend, dass sie mich entgegen meines ausdrücklichen Wunsches wieder ‚Kind‘ genannt hatten.

Immerhin: das hätten wir also hinter uns gebracht!

In diesen Situationen fehlte Dad mit seinen ernüchternden Lexikon-Zitaten.

Damit hatte er jeden ruhig gestellt.

Sogar Mom.

Den Mund in verhärmte Falten gedrückt, geleitete sie mich zu unserem alten Dodge,

der rostig und treu wie eh und je vor dem Krankenhaus auf uns wartete.

Schon als mein erster Tag im Kindergarten anstand, hatte er so auf mich gewartet

und ich fürchtete, er würde es auch noch vor der Kirche tun, in der ich heiraten würde.

Als ein versonnenes Seufzen neben mir laut wurde, hielt ich inne und mir wurde klar:

Das hätte ich nicht denken dürfen!

Mütter haben hochfeine Antennen für alles, was mit dem H-Wort zu tun hat.

Auch, wenn es nur die Gedanken eines anderen waren.

In dieser Hinsicht entwickelten sie schlagartig die übersinnlichsten Fähigkeiten.

Meine machte da keine Ausnahme:

„…weißt du, wenn du mehr unter Leute kommst, lernst du vielleicht auch mal einen netten Jungen kennen … wenn du deine Brille abnimmst und etwas Make Up auflegst, ist dein Gesicht vielleicht ganz hübsch … oh, du würdest so schön aussehen in weißer Spitze!“

Musste ich denn jetzt wirklich das ganze Mutter-Tochter-Paket abbekommen?

Blieb mir heute gar nichts erspart?

Sie lächelte selig in ihrer Phantasiewelt versunken, wo ich mit einem gutaussehenden Arzt

(optional auch Anwalt) liiert war, mindestens zwei Kinder und einen Hund hatte und in einer protzigen Villa am Rande der Stadt, mein wohl situiertes Dasein fristete.

Ich ließ sie. Dort war sie gut aufgehoben.

Der Tag neigte sich bereits dem Ende, als wir losfuhren.

Die Straßen und Bauklotz-Häuser glühten unter dem Phönixfeuer der untergehenden Sonne,

während die Luft begann sich allmählich abzukühlen.

Friedliche Eintracht und das eine oder andere konservative Lächeln legte sich über die Stadt.

„Himmelherrgott!!!“

Mom trat mit aller Macht auf die Bremse.

Der Dodge bockte wie ein Muli, bevor er zum Stillstand kam und leise blubbernd erstarb.

„Fast hätte ich es überfahren!“ schimpfte sie vor Schreck und Erleichterung.

Ich blinzelte in die Dämmerung vor mir.

Nichts.

Erst als ich soweit vor rutschte, dass ich über den unteren Rand der Windschutzscheibe schielen konnte, meinte ich eine Bewegung vor der Schnauze des Wagens ausmachen zu können.

Was immer dort war, es musste sehr klein sein.

Die länger werdenden Schatten verschlangen alles gierig, was ihnen in die Quere kam und ließen ihre Beute nur widerwillig aus ihren Klauen zum Vorschein kommen.

Doch plötzlich stach grünes Fluoreszieren in meine Augen: ein greller Kontrast zur Nacht.

Es dauerte noch einen weiteren Moment, aber dann entdeckte ich die dazugehörigen Umrisse, die sich langsam aus dem Dunkel pellten.

Es war eine Katze.

Pechschwarz.

Empört über unsere Blindheit sah sie zu uns hoch.

Völlig unbeeindruckt vom Größenunterschied, den die 1,30 Meter Karosserie mit ihren gut 1700 kg zu bieten hatte.

„Na, geh schon! Ksch-ksch!“ Mom fuchtelte vor der Windschutzscheibe umher, was der Katze nur den Anlass gab, uns weiter anzustarren.

Ich hatte auf einmal den Geruch von Humus in der Nase und ein merkwürdiges Déjà-vu-Gefühl kroch in meiner Magengegend hoch.

Kurz darauf dachte ich den Schrei eines Affen zu hören; aber es kam von weit her, wie ein Echo

aus einem Traum, den man gerade erst verlassen hatte.

– Noch ohne richtig in der Realität angekommen zu sein.

Ich zuckte wie unter Elektroschocks zusammen:

In meinem Augenwinkel ergoss sich in diesem Moment ein alter Säufer in einem recht finalen Stadium lautstark unter einer Laterne.

Da habe ich meinen Affen… ich seufzte innerlich und wand mich angewidert ab.

Die Gift-Augen des kleinen Raubtieres, hell wie zwei Minischeinwerfer, flackerten plötzlich unregelmäßig, bis sie schließlich ganz erloschen und gierige Schwärze zurückließen.

Einige Sekunden lang war die Welt wie in Wachs gegossen, als alles in eiserner Erwartung

still stand.

Sogar der Staub in der Luft.

Dann kündigte ein leises, anschwellendes Surren den Neustart des Betriebssystems an

und die Katzenaugen funkelten sogleich wieder in ihrem leuchtendsten Grün.

Das Tier machte einen abgehakten Satz, bevor es mit erhobenem Schwanz leichtfüßig zwischen zwei Sperrmüllhaufen verschwand.

„Na endlich…“ brummte Mom und begann, den Dodge wieder anzutreiben.

„Solar-antrieb schön und gut, aber es ist nun mal ein Risiko für streunende Katzen. Vor allem Nachts.“

„Außer uns ist niemand Nachts unterwegs, Mom.“ Die Regeln empfahlen es nicht.

Mom wurde es sichtlich unbehaglich zu mute, als sie sich dessen bewusst wurde.

Fahrig rüttelte sie am Zündschlüssel bis der Motor genervt grunzte

und wir mit drei kleinen Hopsern anfuhren.

Sicherer geworden, da es nun auf das legale Heim zuging, legte sie gleich wieder die Rangordnung fest:

„Denk dran was der Arzt gesagt hat: viel trinken!“

Denk dran was der Arzt gesagt hat – was ein Kittel und ein Stethoskop um den Hals alles ausmachen können… das richtige Equipment und du bist Gott.

Trotzig langte ich in das Handschuhfach nach einer Coke,

welche ich unter Mom’s skeptisch hochgezogenen Augenbrauen besonders laut zischen ließ.

Der Dodge seufzte inzwischen tief, als würde er seinen letzten Lebensatem aushauchen.

Wir waren daheim.

Wortlos stieg ich aus (das Klock-Klock von hohen Absätzen direkt im gesträubten Nacken) und ließ die Coladose vor der breiten, frisch lackierten Haustür zurück.

Ein kleiner Trash-Bot fuhr, stets zu Diensten, auf seiner Schiene entlang des Bürgersteigs zu uns rüber.

Einen seiner langen Greifarme streckte er dabei zielsicher nach der leeren Büchse aus und ließ sie knisternd in seinem runden Metallbauch verschwinden.

Zufrieden zirpend über seinen geleckten Bürgersteig, rollte er wieder davon.

Ich hatte genug für (und von) heute und zog mich ohne Umschweife in mein Territorium, den oberen Stockwerken zurück.

„Was ist los? Du wirkst gestresst, Liebes!“ Ihre spitze Stimme würde mich noch ins Grab verfolgen…

Mir ging es gar nicht gut.

Ich fühlte mich, als hätte ich zu lange ins Licht geschaut und könnte nun meine Augen nicht dazu bringen, sich wieder an die Dunkelheit zu gewöhnen.

Ich ahnte ja noch nicht, wie viel Wahrheit dahinter steckte…

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© by EileanoraEibhlin – Do not use my work in any way without my permission.

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CORAZONs Herzschlag ist eine Annäherung an die Welt der Doltschins von Beau Cyphre

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