CORAZON’s Herzschlag III

Die Nacht hatte einen bitter schmeckenden Belag auf meiner Zunge hinterlassen.
Ich fühlte mich, als hätte ich lediglich einmal gezwinkert bis der Morgen graute und violette Lichtflecken auf dem Holzboden meines Zimmers tupfte.
„Radio.“ murmelte ich, eher schlafend als wach, während ich mich träge aus den Kissen wühlte.
Mit einem kaum wahrnehmbaren „Klick!“ erfüllte mir der Computer diesen Wunsch
und sogleich bellte die wie fünfzig Tassen Kaffee klingende Stimme des Moderators durch mein Zimmer:
„… und jetzt exklusiv für alle kleinen Wildkatzen da draußen: das neuste Bonbon von der bezaubernden Cora: ‚Jungle Nights‘! Mrrrrrrrrau! get wild, Babies!“
Es folgten quietschend leiernde Synthie-Klänge mit Robovogelpiepsen.
Cora bemühte sich derweil, ihrer Stimme einen exotischen Touch zu verleihen, indem sie die Oktaven in einem irrwitzigen Tempo hoch und runter jagte.
Ich musste unweigerlich grinsen, als mir auffiel, wie wenig die Dschungelinterpretation der Sängerin mit dem übereinstimmte, was ich gestern empfunden hatte bei…
… was war es eigentlich gewesen?
Ein ganz gewöhnlicher Hitzschlag?
Ein Tagtraum?
Oder habe ich wirklich den Amazonas bereist? Und wenn ja, warum war ich dann wieder hier?

„Was meinen sie, was es tatsächlich gewesen sein könnte?“
hätte Dad gefragt, wenn ich als seine Klientin mit meiner Geschichte zu ihm gekommen wäre.
Ich starrte nachdenklich zu meinem zerzausten, hängeäugigen Selbst im Badezimmerspiegel.
Doch ich musste mir eingestehen, auch mit einer weichen Ledercouch unter mir, einem verständnisvollen sympathischen Mann an meiner Seite und dem Schutz seiner Schweigepflicht hätte ich nicht gewusst, was ich antworten sollte.
Ich könnte schwören dort gewesen zu sein.
Die feucht-warme Luft in meinen Lungen und die Schmetterlingsflügel auf meiner Haut waren so real gewesen, wie kein Traum der Welt es mir vorgaukeln könnte.
Nein, die Frage war nicht so einfach mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten…
Es galt ein Rätsel zu lösen!

~*~

In dem Kunstmuseum fühlte ich mich am wohlsten seit ich mich erinnern kann.
Hier kam ich her um zu entspannen, zu vergessen, zu träumen… und nachzudenken.
All die Künstler, die hier mit ihrem Herzblut vertreten waren, waren für mich immer noch auf ihre Weise lebendig.
Sie waren es auch, die diesem Gebäude ihren Jahrhunderte alten Odem einhauchten, obwohl sein Architekt darauf bedacht war, mit der Moderne mit zu gehen
und diese Mischung machte die Geschichte auf eine einzigartige Weise fühlbar.
Jedes der Kunstwerke offenbarte mir das Innerste seiner Erschaffer, ihre geheimsten Phantasien.
Sie kommunizierten und spielten mit ihren Betrachtern (die es oft aber gar nicht bemerkten)
und flüsterten mir zu, es sei vollkommen in Ordnung, zu sein wer ich war.
Sie kannten alle Geheimnisse des Lebens.
Und wenn ich aufmerksam genug war, konnte ich in ihnen lesen, wie in einem offenen Buch mit schillernd bunten Seiten.

Doch es gab auch eine dunkle Seite, so wie es niemals Licht ohne Schatten geben wird.
Und diese Nasen warfen beachtlich lange Schatten, so hoch wie sie gen Sonne getragen wurden.
Sie gaben sich alle Mühe, sich von dem gewöhnlichen Fußvolk abzuheben,
und begingen mit tiefstem Stolz absichtlich die schlimmsten Fauxpas in Sachen Mode.
Man sprach nicht einfach so mit ihnen, man bat um eine Audienz,
denn sie waren etwas besseres.
Alleine schon weil sie in Kunstmuseen wie diesem praktisch wohnten, stundenlang vor den Hologrammen sinnieren und in ein Stillleben eine dramatische Leidensgeschichte interpretieren konnten wie kein anderer.
Untereinander verständigten sie sich in einer sphärischen Sprache, die keinem außenstehenden Lebewesen je schlüssig sein würde.
Also war der Rest der Welt Banausen und niemals dazu fähig die Künstler wirklich zu verstehen, so wie sie es taten.
Wie gewöhnlich versuchte ich auf Abstand von ihnen zu bleiben.
Denn wie der mächtige Tyrannosaurus Rex nahmen sie nur Dinge in ihrer unmittelbaren Umgebung wahr, wenn sie sich bewegten.

Eine Skulptur stach mir heute besonders ins Auge:
Sie war noch eine traditionelle Plastik, mit einem satten Heidelbeerblau bemalt und sehr abstrakt,
aber so interessant geformt, dass die Phantasie schnell zu spielen begann.
Also nahm ich auf einem der umstehenden Sessel platz, um sie auf mich wirken zu lassen.
Und wie so oft wuchs der Wunsch in mir, allein zu sein und gleichzeitig hier.
Alles, was ich nicht sehen wollte mit einem Filter einfach auszublenden,
bis nur noch die einzigartige Atmosphäre dieses Ortes übrigblieb, in der ich und sie, die Skulptur, ganz für uns sein konnten.
Ich wünschte ich wünschte…
Es war erstaunlich, wie schnell das Drumherum plötzlich verschwamm und schließlich gar nicht mehr vorhanden war.
Ich sank in dem weichen Schaumstoffpolster ein und ließ meinen Geist an die lange Leine.
Schon begann die Skulptur sich zu verändern.
Ich wünschte…
Zuerst tat sie es nur zögernd, fast schüchtern; hier und dort ein kleines Zucken, als würde sie sich zieren
oder die Augen eines anderen Betrachters fürchten, für die sie nicht bestimmt war.
Wie selbstständige Materie oder intelligentes Quecksilber, welches sich nicht festlegen wollte, modellierte sie sich-, zu ihrem eigenen Künstler geworden, selbst immer wieder neu.
Oder vielmehr suchte sie die passende Identität für sich und ging in verschiedene Richtungen, die ihrer Seele Ausdruck verleihen könnten.
Dann wurde sie mutiger, ihre Bewegungen großzügiger und schließlich tanzte sie
vor meinen Augen.
So surreal es auch war, tat sie dies mit solch einer Selbstverständlichkeit, dass ich gar nicht anders konnte, als meinen Augen zu glauben und nicht eine Sekunde lang an meinem Gehirn zu zweifeln.
Dies war die Realität und alles andere nur billige Jahrmarktsillusion.

Allmählich kristallisierte sich die Form einer Vase heraus.
Und diese Grundform gebar sich selbst zu einem neuen Wesen:
…eine nackte Frau.
Sie hatte eine nahtlos blaue Haut und Augen der Nacht.
Wie eine neuartige Venus stand sie da, ohne jegliche Scham. Pur und unverfälscht. Das reine Leben!
Erst jetzt traten die Trommeln in mein Bewusstsein,
zu dessen Takt sie langsam die Hüften zu kreisen begann.
Ihr voller Busen wogte als ihre Hände sie umschmeichelten wie die eines Fremden, der es aus Ehrfurcht nicht wagte ein Heiligtum zu berühren.
Ich spürte die Hitze von Feuer und roch würzige Kräuter darin.
Spätestens jetzt war ich völlig im Bann dieses wunderbar seltsamen Wesens vor mir und fragte mich, ob es eine Art Hypnose oder Zauber war, den sie ausübte.
Denn eine andere Erklärung konnte und wollte mir nicht einfallen.
Der kraftvolle Rhythmus der Trommeln erhöhte sich so fließend wie ihre Bewegungen
Co-ra-zon! Co-ra-zon! Co-ra-zon!
bis sie miteinander verschmolzen,
eine Symbiose eingingen,
zu einem einzigen Sein,
das eine vom anderen abhängig,
gegenseitig verschlingend,
aufbrauchend
und sich immer wieder neu erschaffend…
Und plötzlich war sie zu einem Wirbelsturm der Leidenschaft geworden:
Ganz wie eine Schlange warf sie sich ekstatisch hin und her (sogar eine gespaltene Zunge fuhr sinnlich über ihre Saphirlippen);
trieb sich selbst immer weiter in Trance, welche sie in ihre ganz eigenen Sphären trug… fernab von Moral und Menschlichkeit, außer Reichweite des Verstandes und hinein in ein Meer, das weite Wellen vor sich herschob.
Unmöglich, dass es einen Winkel nicht erreichen konnte.
Und das Meer wurde selbst zu einer mächtigen Schlange, die sich unruhig durch die Welt wand, stetig und gleichzeitig in ständiger Veränderung:
der Ursprung allen Lebens,
aus dem die Vielfalt nur so explodierte, gleich einem gewaltigen Feuerwerk, dessen Funken bis ins Universum hinein glühten…

Die Schweißtropfen ihrer fiebrigen Haut wurden zu Prismen, die wie Sonnenstrahlen auf dem Wasser in all ihre leuchtenden Farben aufgebrochen wurden.
Und während sie sich auf dem Höhepunkt ihres wilden Tanzes selbst verlor,
erzitterte ihr ganzer Leib unter der gewaltigen Kontraktion eines Herzens, das in diesem Moment nur für sie schlug:
Co-ra-zon! Co-ra-zon! Co-ra-zon!

„He! Fräulein!“
Das nasale Schnattern ließ mich auffahren und direkt an drei pelzigen Planeten abprallen, von denen riesige Insektenaugen abschätzend auf mich herab glänzten.
Trancetrunken fragte ich mich, in welchem Teil dieser geheimnisvollen Dschungelwelt ich jetzt gelandet sein sollte…
doch schnell wurde mir klar, ich hatte es mit in Ponchos gehüllte Kunstdogmatiker…innen (wie ich schätzte) zu tun.
Sie schienen ihren Protest an der Normalität also nicht nur mit Kleidung sondern auch mit der Ernährung zum Ausdruck bringen zu wollen.
Diejenige, die mir am nächsten stand, ließ ihre überdimensionale Sonnenbrille auf einer kleinen Schweißbahn ihres Nasenbrockens vor rutschen, um mich über den Rand hinweg mit schwülstigen Schweinsäuglein zu taxieren.
„Wir haben uns gefragt,“ quiekte sie, „ob sie ihre wunderschöne Plastiké auch mal für einen Moment für uns entbehren könnten!“
Die anderen beiden rückten zustimmend murmelnd auf, die Kugelleiber schon bedrohlich aneinander reibend.
Ich war eindeutig unterlegen.
Zeit zu gehen (auch wenn mein heutiger Besuch mehr Fragen aufgeworfen hatte, als zu beantworten…).
Noch ein schneller Blick zurück versicherte mir, dass die „Plastiké“ wieder zu dem ursprünglichen abstrakten Gebilde geworden war.
Was beflügelte meine Phantasie so dermaßen?
Und warum war ich mir dessen nicht bewusst?
Es war, als würde es zu mir kommen, anstatt, dass ich es erschuf, wie bei gewöhnlichen Tagträumereien, mit denen ich schon meine jahrzehnte lange Erfahrung hatte.
Das Gefühl, etwas würde nicht mit rechten Dingen zugehen, packte mit kalter Hand mein Genick und ließ nicht mehr los.

~*~

Als ich nach Hause kam, hörte ich Mom nach mir rufen.
Sollte ich ihr davon erzählen?
Besser nicht. Sie bekam ja schon bei PMS die blanke Panik…
Sie schien im Garten auf der Hinterseite des Hauses zu sein
und ich musste mir zunächst einen Weg durch die teilweise erst halb ausgepackten Kartons bahnen.
Der Umzug vor ein paar Wochen war eine Art Meilenstein für meine Mom,
um dem alten Leben den Rücken zu kehren.
Nach dem Vorfall mit Dad war ein Tapetenwechsel der letzte Schritt, um dies endgültig zu vollziehen und erst jetzt, ein Jahrzehnt später, hatte sie die Mittel und Beziehungen dafür.
Von dieser Frau konnte man wirklich etwas über Durchhaltevermögen lernen,
das musste ich wohl zugeben, obwohl sie mich die meiste Zeit mit ihrer bloßen Existenz nervte.

Ich fand sie über und über mit Erde beschmiert inmitten des verwildertsten Stück Land, das die Welt je hatte ertragen müssen (Die Begegnung mit Rasenmäher und Heckenschere käme hier dem Erstkontakt mit Aliens gleich).
Aber Mom hatte sich die bewundernswerte Aufgabe in den Kopf gesetzt, daraus einen einigermaßen ansehnlichen Garten zu gestalten.
Der Bio-Container fuhr surrend hinter ihr her, um ausgezupftes Unkraut und Pflanzenreste aufzufangen.
„Schau dir das an!“ rief sie, als sie mich bemerkte und deutete auf eine Ecke mit Pflanzenbüscheln, die aussahen, als wäre dort die Zeit seit 65 Millionen Jahren stehen geblieben.
„Bromelien, Ranken, Orchideen … unglaublich, dass die sich hier selbst angesiedelt haben sollen. Die wachsen doch nur noch im Dschungel wild.“
Sie lachte begeistert.
Ich nicht.

…Dschungel…

 

~*~

© by EileanoraEibhlin – Do not use my work in any way without my permission.

~*~

CORAZONs Herzschlag ist eine Annäherung an die Welt der Doltschins von Beau Cyphre

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