CORAZON’s Herzschlag IV

Gebannt beobachtete ich, wie die Eidechse auf meinem Schreibtisch hin und her lief.
Sie war einfach da gewesen.
Aus dem Nichts hervor gekrabbelt.
Als wäre es das natürlichste auf der Welt, wie bei einem unerklärlich raffinierten Zaubertrick in der Luft zu erscheinen.
Nur, dass es in meinem Zimmer weder Zylinder noch doppelte Böden gab.

Ich saß zusammengekauert auf meinem Bett und versuchte verzweifelt aufzuwachen,
was natürlich nicht gelang, da ich schon längst wach war.
Bereits der warme Wind, der trotz verschlossener Fenster und Türen über mein Gesicht strich und neckisch mit meinem langen Haar spielte, hatte mich aus meinem süßen, unschuldigen Schlaf geholt, in welchen ich auch nie wieder zurück finden würde, so schien es mir.
Was ging hier vor?

„Keo…“
da war sie wieder!
Eine Stimme wie ein kleines Weihnachtsglöckchen.
Schon eine Stunde lang hörte ich sie säuseln, ohne zu wissen, woher sie kam:
ich war allein im Zimmer und der Computer noch nicht in Betrieb…
Die Frage, die mich jedoch inzwischen am meisten beschäftigte und gleichermaßen beunruhigte:
hörte ich die Stimmen nur in meinem Kopf (was ja an sich schon schlimm genug wäre)
oder waren sie „wirklich“ da? (Ich konnte ja schlecht jemanden holen und fragen…)
„Keoma…“
Und was sollte das heißen? Keoma…
Was sollte ich damit anfangen? Ich kannte niemanden mit diesem Namen.
Fängt es so an?
Bin ich jetzt ein Kandidat für die Geschlossene?

„Wenn du bereit bist, kommst du, ja?“
Bereit wofür? Und wohin kommen?
Helles Kichern aus irgendeiner Dimension neben mir.
Es pflanzte sich zu einem Tinnitus in meinen Ohren ein, wo es jeder Bemühung nach Linderung trotzte.
Ich war dem Wahnsinn hilflos ausgeliefert.
Mein Herz pulsierte im Sekundenbruchteil.
Die Schläge gegen seinen Rippenkäfig waren so laut, dass ich sie ohne große Anstrengung hören konnte. (Co-ra-zon! Co-ra-zon! Co-ra-zon!)
Der unerbittliche Takt zog seine Kreise bis in meinen Rücken und meine Arme, ließ die lebende Pumpe verkrampfen und erschlaffen, als spielte jemand mit einem Strick um meinen Hals,
bis es vor meinen Augen dämmerte.
Und dann wurde mir klar, es war nicht mehr mein Herz, das ich wahrnahm…

Zu den Trommeln mischten sich monotone Ritualgesänge in einer fremden, kehligen Sprache.
Trotzdem fühlte es sich seltsam vertraut an.
Zunächst waren sie noch unterschwellig und zurückhaltend, wie die Hintergrundmusik im Supermarkt,
die an einem vorbei direkt ins Unterbewusstsein rauschte,
um von dort aus den Bass stetig anschwellen zu lassen, bis schließlich jede einzelne meiner Körperzellen vibrierte.
Es waren dumpfe Klänge, in dessen düsterer Atmosphäre die Magie von ganz alleine anwesend war.
Sie beschworen etwas herauf,
mit jedem Schlag auf die gespannte Tierhaut eindringlicher…ungeduldiger…
und tief in mir drin drängte ein Teil danach, zu antworten;
so sehr, dass meine Seele gegen meinen Willen begann, sich zu bewegen.
Sie tanzte im Einklang mit dem unheimlichen Lied und streckte sich wie eine junge Pflanze voller Sehnsucht der Sonne entgegen (überrascht und beängstigt über mich selbst konnte ich dabei nur zusehen).
Das Schlangenmädchen aus dem Kunstmuseum erschien mir nun realer denn je,
doch sah ich sie jetzt in einem völlig anderen Licht:
Ihre Augen waren zwei Wurmlöcher im Universum.
Egal, was sie wollte, war es erst in ihren Sog geraten, bekam sie es. Wenn nicht durch Verführung, dann durch Gewalt.
Ein Naturgesetz, dem kein Instinkt entfliehen konnte.

Die Masken, die sich nun auf die Innenseite meiner Augenlider projizierten, wechselten ihre Gestalten wie unter Stroboskop-Licht.
Viele waren abstrakte Stilisierungen auf einfachen Holzbrettern, andere glichen entstellten Gesichtern,
deren aufgerissene Augen mir entgegen quollen.
Unsymmetrische Münder lachten mich aus, verhöhnten mich, ließen ihre Echos in meinem Kopf nachhallen.
Verzerrt und hartnäckig.
Und je länger ich ihnen zuhörte, desto klarer verstand ich ihre Worte, als hätte ich diese Sprache mit der Muttermilch aufgesogen.
Armes Kind…
Armes, dummes, schwaches Kind!

Der Bast, mit dem sie geschmückt waren, raschelte wie eine tropische Brise durch die Wipfel der millionenalten Riesen.
Mir wurde schlecht.
Kalter Schweiß kitzelte auf meiner Stirn und zog klebrige Bahnen über meine Wangen.
Stopp! STOPP!!!
Ich kniff die Augen so fest ich konnte zusammen, schlug auf meine Ohren ein, aber es half nichts.
Eher wurde alles lauter und vermischte sich zu einem tosenden Lärm, der an mir bohrte und schmerzte, als lägen meine Nervenbahnen direkt auf meiner Haut.
Ergeben krümmte ich mich auf meiner Blümchen-Bettdecke.
Das war zu viel… Ich konnte nicht mehr…
Ich wollte nur noch… Ruhe…
… heilige Ruhe…
Aber ich wusste, es würde nicht aufhören.
Noch ehe diese Erkenntnis die Oberfläche meines Bewusstseins erreichte,
wusste ich, es würde nicht aufhören, wenn ich den Weg nicht fand, der mich herausführte.
Warum ich?
Ich hatte nichts getan… außer…mich einem kleinen Tagtraum hinzugeben…

„Du kennst den Weg, Keo…“

~*~

„Du siehst blass aus, Kind.“
Kaum hatte ich mich an den Frühstückstisch gesetzt, war Mom’s Hand auf meiner Stirn.
„Du brütest doch nicht etwa was aus?“
Mit einem genuschelten „HabmeineTage…“ bugsierte ich sie, wieder beruhigt, auf ihren Platz, wo um ihre Müslischüssel herum lauter Farbmuster zu einer zweiten Tischdecke ausgebreitet waren.
Ich angelte über den Tisch nach meiner eigenen Schüssel und einer Packung „Puma Puffs“ (inzwischen wunderte mich gar nichts mehr: Seit meinem Erlebnis in dem Zoo war mein Leben zu einer einzigen Andeutung geworden…).
„Was meinst du, Liebes, welche Farbe soll der Flur bekommen: rot oder dunkelgrün?“ fragte Mom mit der Nase auf ihrer bunten Collage klebend.
Unsere Familie hatte nie wirkliche Künstler oder Farbexperten hervorgebracht. Der einzige, der ein Händchen für Raumgestaltung hatte, war…
„Also Dad würde…“
„Hör mir ja mit dem auf!“ Mom zog energisch einen Schlussstrich durch die Luft. „Aus den Augen, aus dem Sinn, okay?“
ihr augenblicklich nervöses Stochern in ihrem Müsli verriet jedoch, dass zehn Jahre alles andere als ausreichend waren, um ‚aus den Augen aus dem Sinn‘ zu sein, wenn es um Liebe ging.
„Dein Vater hat sich für ein anderes Leben entschieden. Hoffentlich ist er jetzt glücklicher.“
Der Grund für Dad’s plötzliches Verschwinden war bis heute nicht aufgeklärt.
So ließ sich nicht ausschließen, dass er sogar kaltblütig ermordet und verschleppt worden war
oder (und das hielt Mom seltsamerweise für wahrscheinlicher), dass er seine Familie für eine andere Frau aufgegeben hatte.
Und wie immer, wenn dieses Thema zur Sprache kam, entwickelte sie eine wahre Leidenschaft im Hineinsteigern:
„…und dieser komische Levis, der zuletzt bei ihm gewesen war, hat ihn bestimmt noch angestachelt. Vielleicht war er ja so eine Art Zuhälter…“
Levis?
Nein, Lewis!
Das war sein Name gewesen: Keoma Lewis!
Die zehn Jahre alten Schlagzeilen waren plötzlich so deutlich vor meinem inneren Auge, wie die heutige Morgenzeitung:
Ein Mr. Lewis, der von Dr. Boltons Sekretärin als letzter bekannter Klient genannt worden war, verschwand ebenfalls spurlos, am gleichen Tag, als seine Frau in ihrem Ehebett ermordet wurde.
Ein Zusammenhang zwischen dem Verschwinden von Lewis und der Ermordung seiner Frau wurde vermutet, konnte aber nie nachgewiesen werden. Die vermissten Personen wurden nie mehr gefunden.

Keoma Lewis…
Ein Name, mit dem sich bestimmt etwas anfangen ließ.
Wenn er als offizieller Klient zu meinem Vater gekommen war, dann musste es irgendwo Aufzeichnungen über ihn geben.
Er war der Schlüssel zu der Verbindung zwischen Dad’s Verschwinden und dem Dschungel-Wahnsinn (der mir langsam aber sicher begann, zuzusetzen).
Wenn ich ihn hatte, hatte ich des Rätsels Lösung.

Wo immer du steckst, Keoma Lewis, ich werde dich finden…

~*~

© by EileanoraEibhlin – Do not use my work in any way without my permission.

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CORAZONs Herzschlag ist eine Annäherung an die Welt der Doltschins von Beau Cyphre

Zitierte Worte ebenfalls aus „Doltschin – Die anderen Seiten der Wirklichkeit“.

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