Gift (Verführung)

Überleg‘ dir genau, ob du auf dich selbst hörst, du läufst dabei nämlich Gefahr, an den seltsamsten Orten zu landen.

In meinem Fall war es dieser kreischende, flüsternde und ungeheuer grüne Dschungel, der sich wie eine Venusfliegenfalle in den lieblichsten Farben vor dir öffnet, nur, um gnadenlos zuzuschnappen, wenn du ihm zu nahe kommst.

Unerbittlich.

Für immer.

Verdammt.

Inzwischen frage ich mich, ob es wirklich so klug gewesen war, die anderen zu verspotten und das, was sich schließlich als mein Hochmut entpuppte, „Vernunft“ zu nennen.

Habe ich den Richtigen ausgewählt, wenn ich mein Vertrauen nur in mich allein setze?

Gedankengänge beginnen philosophisch anzumuten, ist man plötzlich allein ohne schwatzende Kameraden oder abergläubische Fremdenführer.

Dabei habe ich besonders diesen kleinen, stummelzahnigen Wilden und ihrem Hokuspokus mein Schlamassel zu verdanken…

All die Geschichten waren nichts als Lückenfüller für lange Abende.

Gab man ihnen den einen oder anderen Schluck Feuerwasser, verloren sie sich mit größter Inbrunst in ihren Märchen.

Es war anfangs eher Belustigung und Langeweile, warum wir diese Tradition nach den muskelfressenden Märschen einführten und irgendwann wollten wir es nicht mehr missen.

Was Unterhaltung anging, lag man in dieser Gegend ja ein paar millionen Jahre zurück.

Und während der infantile Teil unserer Seelen gespannt dem stark gebrochenen Englisch des Pygmäen lauschte und jede seiner malerischen Gesten verfolgte, konnten wir alles genau vor uns sehen:

Könige, die mit großen Katzen kämpften; Schwerfällige Wesen mit meterlangen Hälsen, die den Lauf des Flusses stoppten…

Es war fast wie Magie: Die Bewegungen seiner Hände waren wie Schlüssel zu anderen Dimensionen oder Welten und sein fast schon unheimlicher Singsang öffnete die Türen, welche die Bilder um ihn herum erscheinen ließen; nicht vollkommen klar und jedes mal, wenn man genauer hinsehen wollte, verschwanden sie wieder, wie ein flüchtiger Tagtraum, aber … bei Gott, ich war mir sicher, so sicher! … sie existierten eine Spur zu lang, um als Gespinst abgetan zu werden.

Die nervösen Flammen des Lagerfeuers waren seine Verbündeten und boten das passende Schattenspiel, malten wütende Dämonen oder tanzende Schlangen auf den Humusboden und instinktiv achtete man (mit einem verstohlenen Blick zum Nachbarn) darauf, außerhalb ihrer Reichweite zu sitzen.

Und plötzlich wirkte der Pygmäe nicht mehr klein, obwohl jeder der Anwesenden ihn um mindestens einen Kopf überragte. Er war auf einmal so präsent, voller Stärke und mit einer geheimnisumwitterten Ausstrahlung, dass er uns die skurrilsten Dinge auftischen konnte ohne, dass wir ihn ausgelacht hätten.

Die Anspannung meiner Kameraden lag buchstäblich in der Luft (das kleinste Knacken im Unterholz ließ ihren Schweiß in Strömen laufen).

Wir waren ihm hilflos ausgeliefert.

Und so faszinierend es sein mochte, es war beunruhigend und ich ertappte mich bei den Gedanken an Voodoo und schwarzmagische Rituale. Doch mein Verstand verhöhnte mich und so ließ ich wieder davon ab.

Mit dem Abbrennen des Feuers löste sich gleichzeitig auch der Zauber, der sich mit der Geschichte um das Lager gesponnen hatte.

Dann tauschte man sich noch lachend über das Mädchen aus, welches man diese Nacht im Traum besuchen wollte und wickelte sich in die Schlafsäcke, ein Lächeln auf den Lippen.

Was wussten schon Wilde über etwas wie Realität? Die denken doch heute noch es regnet, weil ihr Medizinmann dreimal um’s Feuer gehüpft ist.

Außerdem kann man bei dem Klima hier doch nur einen an der Klatsche kriegen.

Humbug! Nonsens! Hokuspokus!

Aber insgeheim fragte ich mich, ob wir jemals seinem Bann entkommen waren.

Keiner hätte es zugegeben, aber seine Worte packten sich in unsere Rucksäcke und verdoppelten unsere Last, während wir des Tags durch das Dickicht stolperten.

Und jetzt, wo ich vollkommen allein bin, an diesem seltsamen Ort, den ich immer weniger zu kennen glaube, je länger ich an ihm verweile, erscheint es mir wie kalte Berechnung.

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