Gift (Verhängnis)

Ich weiß, ich muss vorsichtig sein, stets auf der Hut.

Hier beobachtet dich immer jemand, der es auf deine Haut abgesehen hat.

Und egal, wer es ist, immer sind sie vollkommen unsichtbar, eins mit dem Dschungel und wenn du sie siehst, ist es bereits zu spät.

Meine Pistole verschmilzt förmlich mit meiner Hand.

Jedes mal, wenn ich die tausend glühenden Augen auf mir spüre, beruhigt es mich, sie alle quasi per Knopfdruck ins Jenseits befördern zu können … oder wo immer sie glauben dann hinzukommen.

Bei Tag ist es eine vollkommen andere Welt als bei Nacht, aber nicht minder unheimlich.

Der schöne Schein betrügt dich, selbst liebesrote Blüten können dein Tod sein.

Ein guter Platz für Paranoia und all dem Schlamm, der im Untergrund deines Bewusstseins vor sich hinblubbert.

Ich ignoriere meine Gefühle und studiere die Gegend.

Den Glyphen auf dem verwitterten Steinbrocken hier zu folge, dürfte es nicht mehr weit zu dem verwunschenen Tempel sein und wenn ich da angekommen bin, habe ich endgültig ausgesorgt, denn die gesamte Anlage inklusive Einrichtung besteht aus purem Gold!

Einst erbaut von schwarzen Göttern, war sie seit Anbeginn der Zeit im Nebel der Sagen und Märchen eingebettet, unwirklich und unerreichbar.

Abenteurer, die dieses Gebäude tatsächlich gefunden haben sollen, waren der Legende nach von der Reflektion der aufgehenden Sonne für immer erblindet.

Ein Mythos, ich weiß … aber von irgendwo bekommt jeder Mythos seinen wahren Funken, der ihn entzündet. Und als ich diesen blinkenden Nugget in dem Erzählrausch des Pygmäen gefunden hatte, musste ich seiner Spur folgen. Allein.

Das Risiko, in den anderen die Seuche der Gier zu erwecken, konnte und wollte ich nicht eingehen. Nicht einmal einen der Führer nahm ich mit, denn ich hatte den Geschichten lange und aufmerksam genug gelauscht, um mich zurecht zu finden.

Außerdem traute ich ihnen nicht.

Kurz gleitet mein Leben an meinem inneren Auge vorüber … mein zukünftiges Leben in Swimming Pools voller Geld, Yachten, Parties, Mädchen, Champagner … mit einem Wort: de-ka-dent!

Aber, aber – ich rufe mich selbst zur Räson, zwinge meine Sinne zur Konzentration.

Noch bin ich nicht angekommen. Noch ist alles möglich.

Alles möglich, hm … wieder schweifen meine Gedanken zu den Mädchen mit ihren unglaublich prallen …

Was war das? Ein Specht? Gibt es hier überhaupt Spechte? (Sei nicht albern…)

Oder sind das …

Die heiße Luft fließt dickflüssig meine Luftröhre hinab und wird in meiner Lunge zu Wachs, der meine Poren verklebt.

Ich beginne diesen Ort mehr und mehr zu hassen.

Wenn ich aus dieser grünen Hölle wieder draußen bin, wird erst einmal gesoffen bis zum Koma. Leisten kann ich’s mir ja dann.

Schon wieder dieses unterschwellige Klopfen. Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich es für eine kleine Trommel halten.

Darüber hat der Pygmäe nichts erzählt. Vielleicht hat es ja auch gar nichts zu sagen, lüge ich mir vor.

Das Zwitschern der Vögel ist verstummt.

Ich entsichere meine Kanone und entspanne mich.

Ich bin ausgerüstet, um es mit einer ganzen Kompanie aufzunehmen. Also kommt raus, kommt raus, wo immer ihr seit!

Ein Stich direkt in meinen Hals.

Aus dem Nirgendwo. Ohne Ankündigung.

Ich verstehe nicht.

Taumele.

Die Knarre fällt zu Boden und löst einen Schuss.

Irgendwo über mir flattern ein paar aufgeschreckte Hühner durch die verflochtenen Baumkronen, brechen das spärliche Licht wie eine unruhige Wasseroberfläche.

Und die Welt dreht sich.

Die riesige Schneekugel des Seins wird von jetzt auf gleich einfach Kopf gestellt; ohne Rücksicht, ohne Pardon, bis der Kongo nun das Firmament umfließt.

Keine Luft…

Der Pfeil scheint frische Lava in meine Venen zu pumpen.

Ich bekomme den befederten Schaft zu fassen und muss einen fast noch schlimmeren Schmerz beim Herausziehen ertragen.

Sie sind also näher als ich dachte.

Und so beginne ich zu rennen. Um mein Leben. Meine Ehre.

Aber bald stelle ich fest, dass etwas nicht stimmt:

Die Umgebung zieht viel langsamer an mir vorüber, wie sie es bei meinem Tempo eigentlich sollte.

Ich bleibe wieder stehen und alles rast förmlich, ändert jäh Richtungen und Größenverhältnisse, zieht sich wie Kaugummi, um dann wieder in seine Ursprungsform zu schwabbeln.

Mein Reizzentrum wird gnadenlos überlastet und versucht vergeblich zu rebooten.

Ich lehne mich an einen Affen, bis der Wald aufhört, Wellen zu schlagen.

Dann setze ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen.

Alles scheint wieder einigermaßen vernünftig zu funktionieren. Leider auch meine Schmerzrezeptoren, welche die Einstichstelle am Hals unangenehm pochen lassen.

Aber was soll’s, ich stehe auf meinen zwei Beinen und solange ich das tue, werde ich lebend hier herauskommen, da können sie Gift drauf nehmen!

… das haben sie bereits getan …

schießt es mir sarkastisch durch den Kopf, als die Blätter in einem grellen Neon zu leuchten beginnen.

Der Affe wird zu einer Statue aus gelblich schimmerndem Stein und lacht mich aus.

Geblendet schließe ich die Augen.

Doch einmal geschlossen kann ich sie nicht mehr öffnen.

Auch der Rest meines Körpers gehorcht mir nicht, nicht die kleinste Zelle erinnert sich daran, wer ihr Herr ist.

Ich sehe die Sonne.

Ihre gleißenden Fangarme drängen sich durch die kleinsten Ritzen meiner Augenlider und graben sich in meine Netzhaut, um schwarze Löcher hinein zu brennen.

Sie fressen sich durch sämtliche Strukturen meines Kopfes. Es dröhnt. So laut! So LAUT!

Echos in meinen Gehörgängen.

Es wird vollkommen dunkel und ich fürchte, mein Kopf platzt.

Aber warte … ich glaube, ich erkenne etwas, verstehe etwas in dem Krach, ja …

Oh mein Gott!

Es sind meine eigenen Schreie…

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