Indigo

 

 

Ein schwarzer Vogel bricht das rote Glühen des Abendsterns.

Sie kommen niemals ohne Grund.

Immer zieht es eine Konsequenz mit sich, wenn sie das Pastell des Sommerhimmels schänden und die warme Nektarluft erfüllt ist von ihrem heiseren Gesang.

We’ve lost the touch of reality.“

Ich höre seine Worte, noch bevor mir bewusst wird, dass ich es tue.

Aber warte, nein, ich höre sie nicht.

Sie sind einfach da, wie ein Gedanke, den ich nicht gedacht habe, der von irgendwem von irgendwo herbeigeflattert kam und zwischen meinen Ohren hängengeblieben ist, mein Trommelfell beutelnd.

Und er? Er weiß, dass ich ihn verstanden habe, taxiert mich nun mit solch einer Ernsthaftigkeit, die seinem jungen Äußeren einen unheimlichen Kontrast setzt.

Ich wundere mich kein bisschen, dass der Junge plötzlich vor meinen Augen erschienen ist. Hier passiert es öfters, dass etwas einfach erscheint. Und manchmal verschwindet es auch wieder von selbst.

Stumm und erwartungsvoll grüße ich ihn.

Währenddessen segelt eine fransige Feder vor meine Füße, schwer wie Blei bleibt sie auf dem Erdboden kleben. Ein kalter Schauer arbeitet sich meine Wirbel hinunter.

Die dunklen Boten verfehlen ihre Wirkung nie.

Und diesmal sind sie wegen mir gekommen.

 

Mein Herz hat Albträume. Es ahnt etwas.

We’re dying and coming alive again…“

Unruhig wälzt es sich hin und her und kann nicht aufwachen.

dying … alive …

again …

Was willst du hier, Junge?

Doch noch bevor ich es aussprechen kann, bleibt es in den Windungen meines Willens stecken. Diese Augen…

Sie packen meinen Geist, halten ihn fest und geben Antworten auf ungestellte Fragen.

Mir stockt der Atem bei dem Anblick der zahlreichen Welten, die er bereist hat; eine schillernder und phantastischer als die andere, voller Wunder und Märchen.

Und ihre Bewohner: so vielfältig und frei, Gelehrte in der Kunst der Gestaltung ihrer eigenen Welt, sei sie dunkel, hell, aquaristisch oder unterirdisch; er hat sie alle kennengelernt.

Und zerstört.

Traumfänger.

Und dann schlägt auch die letzte Erkenntnis wie ein Blitz in mich ein…

DAS ist es also, was du in mir siehst? Mehr bin ich nicht?

Jeder einzelne Halm dieser Wiese bis zum Düsterwald da drüben ist mir so vertraut wie mein eigenes Kind; jedes Wesen, welches das hier sein zu Hause nennt, kann ich beim Namen nennen.

Ich kenne diese Welt, als hätte ich sie mit meinen eigenen Händen erschaffen … und du willst mich ihr entreißen?

Sieh mich an!

Kannst du mir wirklich ins Gesicht sehen und das tun?

Ich sehe, ich schmecke, ich höre, ich atme … ich lebe! Ich bin wie du.

Und doch … ich spüre, wie mein Wissen bereits schwindet, Stück für Stück aus meinen Händen gleitet und sich mir schlüpfrig wie Quecksilber entzieht, je mehr ich es halten möchte.

Der Nebel … scheint alles ausradieren zu wollen (Nebel? Hier gibt es keinen Nebel!). Du hast ihn mitgebracht! Ich will kämpfen, schreien, aber mein Hals drückt sich zu und ich sehe nicht mehr klar.

Ich denke, also bin ich, denke, ich … mein Wille ist stark, du kannst mir nichts anhaben!

Schon kann mich nicht mehr bewegen.

Hypnose? Ist das Hypnose? Voodoo? Ja, das alles zusammen und noch viel schlimmer.

Es ist klebrig wie ein Spinnennetz und gleichzeitig schnürt es sich unerbittlich wie ein Stahlseil in mich. Je mehr ich versuche, mich hinaus zu winden, desto fester ziehen sich die Fäden um mich.

Panik.

 

Ein Echo von weit her, erst ganz leise und unterschwellig, dann schrauben sich die Geräusche mehr und mehr in mein Bewusstsein.

Jetzt erkenne ich Musik. Geigen und Panflöten verweben sich zu einem lieblichen Schlaflied, dessen verspielte Takte mich einlullen und fast vergessen lassen.

Die Grenzen meines Seins lösen sich in Indigo auf und der Horizont flockt an mir vorüber.

Alles, was mir vertraut war, ist in wenigen Momenten verschwunden. Ich bleibe zurück, im Schwerelosem schwimmend. Aber für wie lange noch?

Und dann sehe ich sie weit unter mir:

Selbstvergessen in süßem Schlummer, eingewühlt in weiche Daunen und Kissen, sodass nur noch ihr mondbleiches Gesichtchen hervor schaut. Ihre kleinen Finger umgreifen den Zipfel ihrer Decke, während sie emsig und tief vor sich hinatmet, die Göttin meiner verlorenen Welt. So unschuldig.

Und doch bestimmt sie mein Schicksal, indem sie gleich ihre Augen aufschlagen wird.

Jeder Traum muss dem Erwachen weichen, auch wenn es ihm nicht bewusst ist, einer zu sein.

Meine Seele flackert nocheinmal auf, wie eine Kerzenflamme im Zug eines geöffneten Fensters.

 

Ein Hahnenschrei und es wird dunkel.

 

We prefer the dark because it leaves place for our own imagination.

 

~*~

 

Bild und zitierte Worte von :iconnikkothenerd:

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